▷ Das dauert / Kommentar von Christian Matz zum Impfen


06.01.2021 – 18:52

Allgemeine Zeitung Mainz

MainzMainz (ots)

Bitte nicht falsch verstehen, und das Folgende bitte nicht als Zynismus auslegen: Trotz des immensen Drucks, trotz der steigenden Todeszahlen und der unfassbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen – beim Thema Impfen und Impfstoffknappheit ist es ganz wichtig, auch einmal kurz innezuhalten und die Situation möglichst unaufgeregt zu beurteilen. Umso mehr, wenn die einen seit Tagen von einem Impfdesaster, gar einem deutschen Staatsversagen sprechen, und die anderen (Regierungsvertreter vor allem) versuchen, die Lage schönzureden. Eine nüchterne Analyse kann dagegen derzeit nur zu folgendem Schluss kommen: Es holpert an vielen Stellen – aber es ist völlig übertrieben, von einem Versagen zu sprechen. Weil es für eine solche Einschätzung noch viel zu früh ist. Und, auch dies gehört zu einer Einordnung dazu: Es holpert, abgesehen von Israel und mit Abstand Großbritannien, überall auf der Welt beim Thema Impfen. Der Fortgang in Israel ist in der Tat beeindruckend, aber das Land ist eben in vielerlei Hinsicht – angefangen bei der Größe und damit der Größe der Aufgabe – nicht vergleichbar. In Frankreich, Österreich und den Niederlanden gibt es übrigens Kritik, warum es mit dem Impfen nicht so schnell geht wie etwa in – Deutschland.

Die Analyse im Einzelnen: Die EU und damit auch Deutschland haben es versäumt, sich rechtzeitig (noch) größere Mengen der Impfstoffe von Biontech und Moderna zu sichern, das ist ganz klar. Aber: An dem derzeitigen Problem der Impfstoffknappheit hätte das wenig bis nichts geändert. Und obwohl eine Rückschau müßig ist, weil man hinterher schlauer ist: Auch noch sehr spät im vergangenen Jahr gab es gute Gründe, auf mehrere Anbieter zu setzen. Und es gab auch Gründe für die Zurückhaltung bei Biontech. Einem bis dato unbekannten und vergleichsweise schwer zu verarbeitenden (Kühlung!) Impfstoff. Es ist deshalb auch jetzt noch nicht sicher, dass das am Ende der „beste“ Impfstoff sein wird – auf Dauer wird es darauf ankommen, einen möglichst guten, unkomplizierten und, ja, auch billigen Impfstoff zu haben. Das generelle Ziel bei der Bekämpfung der Pandemie ist nämlich nicht, dass Deutschland möglichst schnell durchgeimpft ist – das Ziel ist, dass in möglichst vielen Ländern möglichst viele Menschen möglichst schnell geimpft sind, angefangen bei den Älteren und Risikogruppen. Das geht nur mit möglichst vielen Impfstoffen – einer breiten Streuung also.

Speziell zur Lage in Deutschland: Es hakt auch hier beim Impfen noch an sehr vielen Stellen, wie gesagt. Bei den Abläufen, in der Verwaltung. Aber auch hier gilt: Angesichts der Mammutaufgabe Massen-Impfen, die nur ein Teil der Mammutherausforderung Corona-Pandemie ist, ist nach nur wenigen Tagen ein abschließendes Urteil nicht möglich. Theoretisch stehen die Impfzentren seit Wochen – der Praxistest ist eben erst jetzt möglich. Die Terminvergabe muss sich einspielen, das anfängliche Chaos muss behoben werden, gar keine Frage. Gerade Senioren muss das Impfen so leicht wie möglich gemacht werden, auch denen, die alleine zu Hause leben. Dies alles in den Griff zu bekommen, ist aber keine Frage von wenigen Tagen. Wir reden bei der Impfkampagne über mindestens mehrere Monate, bis zum Sommer. Nichts anderes hat übrigens auch Biontech-Chef Sahin von Anfang an gesagt. Das dauert. Das geht nicht alles gleichzeitig. Denn so etwas gab’s noch nie. Die nächsten Monate werden in jeder Hinsicht hart, auch in dieser.

Was bei der Diskussion um ein (angebliches) Impfdesaster derzeit völlig untergeht: Ein mittel- bis langfristig noch größeres Problem als die Impfstoffknappheit – die hoffentlich bald behoben sein wird – ist die Impfskepsis in großen Teilen der Bevölkerung, angefangen beim Personal in den Heimen. Das Organisationschaos muss und kann man bekämpfen. Der Kampf gegen fest gefügte Einstellungen in den Köpfen aber – der wird noch schwieriger.

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