▷ Die Zeit der Alphatiere / Leitartikel von Jörg Quoos zu Röttgen


18.02.2020 – 22:09

BERLINER MORGENPOST

Berlin (ots)

Kurzform: Den Übergabeplan der Kanzlerin kann man auch als gescheitert betrachten. Annegret Kramp-Karrenbauer führt zwar Gespräche mit allen Beteiligten. Aber ihr Einfluss auf die Nachfolge an der Spitze der CDU wird von Tag zu Tag geringer. Jetzt muss auch die Kanzlerin ganz schnell das Feld räumen, hört man von Merkel-Gegnern aus der Partei. Allerdings stellt sich die Frage: Wem nützt das? Sind Neuwahlen jetzt wirklich gut für die CDU? Oder läuft man nicht Gefahr, dass vor allem AfD und Grüne davon profitieren?Auffallend ist, wie alle echten und auch die Möchtegern-Kandidaten betonen, die Kanzlerin solle zu Ende regieren. Sogar aus München hört man diese klare Botschaft. Offenbar ist allen klar: Zu viel Neustart kann gefährlich werden.

Der vollständige Leitartikel: Wer die CDU mal irgendwie langweilig fand, ist spätestens jetzt eines Besseren belehrt: Die Blitz-Kandidatur von Norbert Röttgen macht die Suche nach dem neuen Chef noch spannender.
Bislang wurden mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, Ex-Fraktionschef Friedrich Merz und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wie selbstverständlich nur drei potenzielle CDU-Chefs öffentlich gehandelt. Jetzt bringt sich ein Vierter überraschend ins Spiel. Und Norbert Röttgen ist bislang der Einzige, der sich unmissverständlich erklärt hat.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Frau, die auch sagt: Ich will! Bislang ist das Bewerberfeld jedenfalls ziemlich männlich und Nordrhein-Westfalen pur. Von Regionalproporz, den Volksparteien gerne zelebrieren, kann jedenfalls nicht die Rede sein.
Durch die Bewerbung des Ex-Umweltministers Norbert Röttgen ist eine größere Dynamik bei der Suche nach einem neuen Parteichef entstanden. Diese ist unbequem für die anderen Mitbewerber. Sie befinden sich noch im Status des „möglichen Kandidaten“ und werden sich nun erklären müssen.
Auch Hinterzimmer-Absprachen und Team-Lösungen mit allen Aspiranten sind jetzt viel schwerer möglich. Die Röttgen-Bewerbung setzt andere Kandidaten unter Zugzwang. Aus Sicht von Kanzlerin Angela Merkel greift jetzt, nach Friedrich Merz, ein zweiter Merkel-Gegner nach der Macht. Merz hat wegen der Entlassung als Fraktionschef noch eine Rechnung offen. Röttgen trägt der Kanzlerin seinen Rauswurf aus dem Kabinett nach. Das konnte er bei seiner Antrittspressekonferenz nicht verbergen.
Dass Röttgen es macht, um die „Zukunft der CDU“ zu retten, klingt allerdings ziemlich breitbeinig. Naheliegender ist, dass der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses seine eigene Bedeutung retten will. Er will einfach nicht tatenlos zusehen, wie die neue Macht an ihm vorbei verteilt wird. Das ist verständlich und zeugt von politischem Selbstbewusstsein.
Es tut der Demokratie sicher gut, wenn möglichst viele Politiker bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Und das Schaulaufen in der CDU hat auch noch eine andere Botschaft parat. Sie lautet: In der Union gibt es noch Alphatiere. Da hat die CDU der SPD eindeutig etwas voraus. Bei den Sozialdemokraten wurde Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur zuletzt herumgereicht wie die heiße Kartoffel. An der verbrannte sich zum Schluss Martin Schulz die Finger. Das läuft in der CDU eindeutig anders.
Makulatur ist allerdings der Regieplan der Parteivorsitzenden. Die Führungsfrage muss schnell geklärt werden. Bis Nikolaus zu warten, ist keine gute Idee. Denn wenn der Prozess zu lange dauert, wird aus dem Neustart eher eine quälende Demontage für alle Beteiligten. Und das ist das Letzte, was die CDU in der schwierigen Phase des Übergangs in die Nach-Merkel-Ära gebrauchen kann.
Den Übergabeplan der Kanzlerin kann man auch als gescheitert betrachten. Annegret Kramp-Karrenbauer führt zwar Gespräche mit allen Beteiligten. Aber ihr Einfluss auf die Nachfolge an der Spitze der CDU wird von Tag zu Tag geringer. Jetzt muss auch die Kanzlerin ganz schnell das Feld räumen, hört man von Merkel-Gegnern aus der Partei. Allerdings stellt sich die Frage: Wem nützt das? Sind Neuwahlen jetzt wirklich gut für die CDU? Oder läuft man nicht Gefahr, dass vor allem AfD und Grüne davon profitieren?
Auffallend ist, wie alle echten und auch die Möchtegern-Kandidaten betonen, die Kanzlerin solle zu Ende regieren. Sogar aus München hört man diese klare Botschaft. Offenbar ist allen klar: Zu viel Neustart kann gefährlich werden.

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