▷ Realitätsschock, Kommentar zur Türkei von Stefan Reccius


22.03.2021 – 20:25

Börsen-Zeitung

Frankfurt (ots)

Er hat es wieder getan: Nachdem der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zum dritten Mal binnen zwei Jahren den Chef der Zentralbank gefeuert hat, ist die Lira zeitweise zweistellig abgesackt. Der Realitätsschock reißt die Anleger aus der Illusion, der erklärte Zinsfeind könnte tatsächlich von seinem Mantra niedriger Zinsen abgerückt sein, um die Inflation einzudämmen und die Währung zu stabilisieren. Zuletzt hatte der nun entlassene Naci Agbal die Märkte beeindruckt, indem er den Leitzins unerwartet stark auf 19 Prozent anhob. So untermauerte er sein Versprechen, die Zinsen zu erhöhen, bis die zuletzt auf mehr als 15 Prozent angestiegene Inflation einstellige Werte erreicht.

Die dritte Zinserhöhung war Agbals letzte Amtshandlung. Keine fünf Monate ließ Erdogan ihn gewähren, bis er die Geduld verlor. Die mühsam wiederhergestellte Reputation der Notenbank liegt in Trümmern. Dass Kräfte jenseits der Zinspolitik für den unverminderten Inflationsdruck verantwortlich sind – steigende Energie- und Lebensmittelpreise der auf Importe angewiesenen Türkei, Engpässe auf den Weltmärkten – und die nun bevorstehenden Zinssenkungen die Preise weiter treiben werden, passt nicht in Erdogans Weltbild.

Tatsächlich hat sein Land die Coronakrise wirtschaftlich glimpflicher überstanden als viele andere Volkswirtschaften, maßgeblich unterstützt durch einen Boom an Unternehmenskrediten. Doch die Firmen werden ihre Schulden eines Tages bedienen müssen – das wird umso schwieriger, je tiefer die Lira fällt. Denn in der Türkei sind überdurchschnittlich viele Firmen in Dollar verschuldet.

Auch gegenüber den eigenen Bürgern geht Erdogan ins Risiko. Er setzt darauf, dass ein durch Kredite befeuerter Aufschwung die Menschen darüber hinwegsehen lässt, dass ihr Geld drastisch an Wert verlieren wird. Dass Unternehmen und Bürger in den Monaten des Lira-Absturzes rund um den Jahreswechsel in Gold und Fremdwährungen geflohen sind, sollte ein Alarmsignal sein. Erdogan nimmt diese Kollateralschäden billigend in Kauf – so wie er es auch auf dem Gebiet der Außenpolitik zu tun pflegt. In Erdgasfunden im östlichen Mittelmeer hat der Staatspräsident eine Gelegenheit zur Selbstversorgung erkannt, um weniger auf den Import von Energie angewiesen zu sein. Auf diese Weise ließe sich auch eine schwache Lira leichter verkraften. Die Staats- und Regierungschefs der EU sollten angesichts der geldpolitischen Kehrtwende nicht darauf setzen, dass Erdogan im Konflikt mit Griechenland auf Deeskalation aus ist, wenn sie diese Woche über Sanktionen gegen die Türkei beraten.

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