“Es ist Zeit, den Opfern zuzuhören” – BLB zeigt in Wertheim Bühnenstück über Mordserie der NSU

Szene aus der Aufführung „Schmerzliche Heimat“ Foto: BLB / Sonja Ramm

“Es ist Zeit, den Opfern zuzuhören”

BLB zeigt Bühnenstück über Mordserie der NSU

 

Eine Aufführung der Buchvorlage „Schmerzliche Heimat“ zeigt die Badische Landesbühne (BLB) am Dienstag, 21. März, um 19.30 Uhr in der Aula Alte Steige. Das Buch thematisiert die Mordserie der NSU aus der Perspektive einer Opferfamilie. Intendant Carsten Ramm äußert sich in einem Interview zu der Inszenierung.

Warum steht „Schmerzliche Heimat“ auf dem Spielplan der Badischen Landesbühne?

Sehr lange wurden die Täter der Mordserie des NSU nicht gefasst und stattdessen wurden Unschuldige verdächtigt. Die Familien der Opfer standen unter Beschuss der Behörden und der Presse. Dieser Umgang mit den Opfern, die alle einen Migrationshintergrund haben, war unmenschlich und auch rassistisch. Stereotypen und Vorurteile bestimmten die Ermittlungen statt den Blick auf das Neonazi-Milieu zu richten. Es ist Zeit, den Opfern zuzuhören. Mit dem Stück „Schmerzliche Heimat“ tun wir das. Es beruht auf dem gleichnamigen Buch von Semiya Simsek, der Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek. Aus der Sicht von Semiya und ihrer Familie fühlen wir mit, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren und von den Behörden verdächtigt, verhört und malträtiert zu werden. Wir werden Zeugen eines der größten Skandale der neueren deutschen Geschichte.

Die rechte Szene wird vom Verfassungsschutz überwacht. Wie konnte es überhaupt zu einer Organisation wie dem NSU kommen?

„Überwacht“ ist noch untertrieben! Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe radikalisierten sich in der Organisation „Thüringer Heimatschutz“, dem ehemals militantesten und dichtesten Neonazi-Netzwerk in Thüringen. Und zwar unter den Augen des Verfassungsschutzes: Bis zu 45 Personen dieser Vereinigung waren sogenannte Vertrauensmänner, auch V-Männer genannt. Das bedeutet, dass jedes vierte Mitglied V-Mann war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dem Verfassungsschutz die Pläne der drei, die ja auch rege von anderen Mitgliedern der Szene unterstützt wurden, komplett entgangen sind. Umso größer ist der Skandal, dass das Trio ganze elf Jahre mordete und raubte, ohne gefasst zu werden, geschweige denn, in Verdacht zu geraten.

Seit Mai 2013 findet der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Unterstützer des NSU vor dem Oberlandesgericht München statt, es gab und gibt zahlreiche Untersuchungsausschüsse. Widerfährt den Opfern endlich Gerechtigkeit?

Semiya Simsek erklärt in Schmerzliche Heimat, dass die Morde nur möglich wurden, weil das Trio von einer starken Unterstützerszene getragen wurde. Sie schrieb: „Diejenigen, die in diese Verbrechen verstrickt sind, sollen zur Verantwortung gezogen werden.“ Doch genau das geschieht nicht. Viele der Mordfälle sind voll von Widersprüchen, denen die Behörden nicht nachgegangen sind. Was hatte zum Beispiel ein Verfassungsschützer zur Tatzeit an einem Tatort zu suchen? Und warum verließ er den Tatort und musste erst von der Polizei ausfindig gemacht werden, statt sich selbst zu melden? Warum gibt es keine ernstzunehmende Untersuchung, die sich mit der Rolle des Verfassungsschutzes auseinandersetzt? Und warum sind neben Beate Zschäpe nur vier weitere Personen angeklagt? Es gibt ein ganzes Netzwerk von Unterstützern. Doch die Untersuchungsausschüsse der Parlamente und der NSU-Prozess in München treten auf der Stelle, weil sie von Behörden ausgebremst werden. Von Aufklärung und Gerechtigkeit keine Spur.

Karten für die Aufführung gibt es im Vorverkauf bei der Buchhandlung Buchheim, Telefon 09342/1320, E-Mail: buchheim.wertheim@t-online.de

An diesem Abend kommt das „Veranstaltungsmobil“ des Seniorenbeirats zum Einsatz. So haben auch ältere Menschen aus den Ortschaften und Stadtteilen, die nicht mehr so mobil sind, Gelegenheit zum Theaterbesuch. Wer mitfahren will, muss am Vortag bis 18 Uhr das Taxi-Unternehmen Stemmer anrufen (Telefon 09342/1294) und seinen Fahrwunsch mit der entsprechenden Bushaltestelle angeben. Nach Ende der Veranstaltung steht das Taxi wieder für die Rückfahrt bereit.

Stadtverwaltung Wertheim