Wertheim / Region : Alkoholkonsum setzt immer früher ein – Bericht im Arbeitskreis Sucht und Gewalt

Unter anderem informierten Kriminalhauptkommissar Jürgen Engel (m) und Erster Polizeihauptkommissar Matthias Jeßberger (r) über Drogendelikte und Straftaten in Wertheim. Foto: Stadt Wertheim

Zu seiner jährlichen Sitzung kam der Arbeitskreis Sucht- und Gewaltprävention unter Vorsitz von Bürgermeister Wolfgang Stein im Rathaus zusammen. Der Arbeitskreis ist ein Zusammenschluss von Fachleuten aus dem Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Unter der Federführung der Stadtverwaltung trifft sich einmal im Jahr zum Informations- und Erfahrungsaustausch und zur Koordinierung der Präventionsmaßnahmen in Wertheim.

Beim jüngsten Treffen stellte die Kommunale Suchtbeauftragte des Landratsamts Main-Tauber-Kreis, Sigrid Mündlein, die Ergebnisse einer Schülerbefragung zum Thema Alkoholkonsum vor. Im landesweiten Ranking der alkoholbedingten Krankenhausaufenthalte von 13- bis 19-Jährigen aus den Stadt- und Landkreisen für das Jahr 2015 war der Main-Tauber-Kreis an die letzte Stelle gerutscht. Er lag weit über dem Landesdurchschnitt. Eine Befragung von Schulkindern und Jugendlichen sollte über die Ursachen Aufschluss geben. Sie war vom Aktionskreis Sucht- und Gewaltprävention, Sicherheit und Gesundheitsförderung im Main-Tauber-Kreis online durchgeführt und vom Land Baden-Württemberg durch das Förderprogramm „Starthilfe“ unterstützt worden.

Kreisweit hatten 14 weiterführende Schulen teilgenommen, mehr als 1.600 Fragebogen wurden verteilt. Zielgruppe waren Kinder und Jugendliche zwischen elf und 17 Jahren. Aus Wertheim hatten sich die Comenius Realschule und die Gemeinschaftsschule beteiligt. Auffällig bei den Ergebnissen war, dass Kinder immer früher beginnen, Alkohol zu konsumieren. Bereits 48 Prozent der unter 13-Jährigen nehmen der Umfrage zufolge Alkohol zu sich. Bevorzugt wird dabei Bier oder Schnaps konsumiert und das weniger bei öffentlichen Veranstaltungen, sondern überwiegend im privaten Rahmen. Jungs und Mädchen sind dabei gleichauf. Oft tolerieren dies sowohl Eltern als auch das Umfeld der Kinder und Jugendlichen bedenkenlos.

Dass Kinder und Jugendliche zur Flasche greifen, liege einerseits an der ständigen Verfügbarkeit von Alkohol, Tabak und Drogen, sei aber auch Nebenwirkung zum Beispiel von Konflikten in den Familien, sozialer Desorganisation oder mangelndem Selbstwertgefühl. Bürgermeister Wolfgang Stein war sich mit den Sitzungsteilnehmern einig, dass die vorgelegten Ergebnisse eine Momentaufnahme darstellen und eine nächste Erhebung weitere Aufschlüsse geben soll.

Erkenntnisse aus dem Familienbericht

Den Familienbericht 2016 erläuterte Thomas Sauter vom Kreisjugendamt. Seit Jahren sei ein konstanter Anstieg der Einpersonenhaushalte zu beobachten, so der Redner. Nur noch in rund 16 Prozent der Haushalte leben Kinder, jedes fünfte Kind wird in einem alleinerziehenden Haushalt groß gezogen. Der Bedarf an Erziehungshilfen ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Besonders ambulante Hilfen vor Ort sind sehr stark gefragt. Gemessen an 2003 hat sich ihre Anzahl um 90 Prozent erhöht. Nach einer Erklärung für diese Entwicklung fragte Bürgermeister Stein. Dies sei insbesondere auf den Anstieg der psychiatrischen Diagnosen zurückzuführen, erläutert Thomas Sauter. Hilfen in diesem Bereich seien auf Dauer angelegt und beziehen sich insbesondere auf Schulbegleitung und Hilfen bei Trennung und Scheidung.

Die Mitarbeiter des Landratsamts haben die Erfahrung gemacht, dass viele Kinder in ihren Familien keine Ansprache mehr haben. Auch dies sei eine Form von seelischer Gewalt. Umgekehrt erfahren Eltern Gewalt von ihren Kindern als Folge mangelnder erzieherischer Maßnahmen. Dabei spielt das Alter der Eltern keine Rolle. Generell beklagen die Fachleute fehlende Wertevorstellungen bereits in der Elterngeneration. Wem selbst keine Werte vermittelt wurden, der könne sie auch nicht weitergeben. „Das Auffangbecken Familie gibt es heute fast nicht mehr“, pflichtete Stephanie Eck, Schulsozialarbeiterin am Wertheimer Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, bei.

Maßnahmen der Jugendhilfe können dazu beitragen, diese Umstände auszugleichen, zum Beispiel

  • eine bedarfsgerechte und qualitative Ausgestaltung von Angeboten der Kindertages- und Schulkindbetreuung,
  • Veranstaltungen zur Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern wie die Wertheimer Reihe „Elternkompass“,
  • erzieherische Hilfen auch für Alleinerziehende und Patchworkfamilien
  • Erhalt und Förderung der Jugendhilfe-Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Kriminalitätsentwicklung

Kriminalhauptkommissar (KHK) Jürgen Engel von der Polizeidirektion Tauberbischofsheim und Erster Polizeihauptkommissar (EPHK) Matthias Jeßberger vom Polizeirevier Wertheim informierten Drogendelikte und Straftaten. Jürgen Engel umriss die Zuständigkeit seiner Dienststelle überwiegend für Verbrechenstatbestände mit einer Strafandrohung von einem Jahr und darüber hinaus. Darunter fallen auch schwere Betäubungsmitteldelikte. Generell haben die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz in Wertheim in 2016 zugenommen. Diese Tendenz hat sich auch im laufenden Jahr bestätigt. Der Anstieg ist insbesondere auf allgemeine Verstöße mit Cannabis-Produkten zurückzuführen. Eine eher untergeordnete Rolle spielen Kokain, Heroin und Cristal Meth. Allgemeine Handelsdelikte mit Cannabis und anderen Betäubungsmitteln sind im gleichen Zeitraum rückläufig. KHK Engel gab dabei zu bedenken, dass die Dunkelziffer bei der Rauschgiftkriminalität immens und die fortlaufende Aufklärung dieser Delikte nur mit entsprechendem Personaleinsatz möglich sei.

Angestiegen sind der bandenmäßige Handel, Handel mit nicht geringen Mengen und die Einfuhr in nicht geringen Mengen von Betäubungsmitteln. Dies sei auf umfangreiche kriminalpolizeiliche Ermittlungen im Jahr 2016 zurückzuführen, so Engel. Es habe entsprechende Festnahmen gegeben. „Die Kriminalpolizei kann aber immer nur schwerpunktmäßig tätig werden.“ erklärt der Kriminalhauptkommissar. Auch dies sei der Reduktion der Personaldecke bei der Kriminalpolizei im Main-Tauber-Kreis um die Hälfte im Zuge der Polizeireform 2014 geschuldet.

Das 2016 in Kraft getretene Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz vereinfacht die Verfolgung von Straftaten. Der Umgang mit synthetischen Cannabinoiden und ca. 2000 Stoffen mit pharmakologischer Wirkung wird damit generell verboten, woraus sich eine Strafbarkeit außer für den Erwerb und Besitz ergibt, berichtet Engel. Eine positive Regelung, denn der Konsum dieser Stoffe ist mit sehr gefährlichen Auswirkungen verbunden.

Einen Überblick über die Sicherheitslage in Wertheim gab EPHK Matthias Jeßberger vom Polizeirevier Wertheim. Eine Zunahme der Delikte in 2016 registrierte die Polizei Wertheim vor allem in den Bereichen Straßen- und Rauschgiftkriminalität. Tatverdächtig waren in der Hauptsache jeweils Jugendliche und Heranwachsende. Insgesamt bewertet der Vertreter des Polizeireviers Wertheim das Jahr 2016 als „Ausreißer“, wobei dieser Trend zumindest im Jahr 2017 noch anhalten wird. Die Aufklärungsquote liege erfreulicher Weise bei 61,9 Prozent in 2016, im laufenden Jahr aktuell sogar bei rund  66 Prozent. Das ist jeweils mehr als der Landesdurchschnitt von etwa 60 Prozent.

Gewalt an Schulen sei, zumindest im „Hellfeld“, sehr gering. Gewaltdelikte werden dort allerdings nur selten angezeigt. Medienkriminalität und Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz bei Veranstaltungen spielen in Wertheim, bis auf wenige Einzelfälle während des Altstadtfestes und der Michaelismesse, ebenfalls keine Rolle, so EPHK Jeßberger. Straftaten im Zusammenhang mit Alkoholkonsum gab es kaum, so der Polizeivertreter. Uwe Schlör-Kempf von der Stadtverwaltung schrieb dies auch der guten Arbeit der Beratungsstellen von Diakonie und Caritas zu.

Präventionsmaßnahmen in Wertheim

Er gab im weiteren Verlauf einen Überblick über Präventionsveranstaltungen, die in Wertheimer Kindertagesstätten und Schulen sowie im Rahmen der Vortragsreihe „Elternkompass“ durchgeführt wurden. Sie seien ein wichtiges Instrument für Fachkräfte und Eltern, um Probleme frühzeitig zu erkennen und Kompetenzen zu stärken.

Die Sitzung schloss mit der Verabschiedung von Gerhard Heine aus dem Arbeitskreis. Bürgermeister Stein bezeichnete ihn als „Urgestein“. Von Beginn an im Jahr 1998 vertrat er die Suchtberatungsstelle der AGJ im Main-Tauber-Kreis im AK Sucht und Gewalt. Kreisweit als Experte und Ratgeber geschätzt, konnten viele Veranstaltungen und Fortbildungen in Wertheim dank seiner Hilfe umgesetzt werden

Stadtverwaltung Wertheim

Bildergalerie Michaelismesse Wertheim Freitag 07.Oktober.2011